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Mittwoch, 28.06.2017

Abirede 2010

Liebe Abiturienten,

dies ist Euer Tag! Fast 13 Jahre Schulalltag haben nun ein Ende. Ein Alltag verbunden mit Hoffnungen, Wünschen, Enttäuschungen, Freuden, Tränen und – einem erfolgreichen Abschluss. Für diesen Tag und dieses happy end haben wir geackert und gekämpft.

Wenn ich „wir“ sage, meine ich vor allem Euch, denn jeder von Euch musste es selber richten. Die Kursarbeiten und Referate, die Geistesblitze im Unterricht mussten von Euch kommen, das konnte Euch keiner abnehmen.

Mit „wir“ meine ich aber auch Eure Eltern, und damit begrüße ich auch Sie, liebe Eltern, ganz herzlich. Ich möchte Sie zu Ihren Kindern und ihrem Erfolg beglückwünschen. Auch Sie haben natürlich mit gekämpft und gebangt, haben wichtige Impulse gesetzt und immer wieder ermutigt. Und wir dürfen heute hocherfreut feststellen, alle Anstrengungen haben sich gelohnt.

Zu dem „wir“ möchte ich – in aller Bescheidenheit – auch die Lehrerschaft des Schwerd-
Gymansiums hinzufügen, die ich natürlich auch sehr herzlich begrüße. Auch wir haben gekämpft und gebangt, zwar nicht geweint, aber auch unser Alltag war nicht frei von Enttäuschungen und in seltenen Fällen waren wir auch etwas verzweifelt. Umso mehr freuen wir uns am heutigen Tag mit Euch über Euren Erfolg.

Wir Lehrer vom „Schwerd“ haben Euch, liebe Abiturienten, gefordert. Wir haben Euch nichts geschenkt. Nicht, dass wir es Euch nicht gegönnt hätten, aber wir haben Euch nichts geschenkt, weil wir es gut mit Euch meinen. Wir denken nämlich über den Tag X hinaus. Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, Euch für die Post-Schwerd-Ära vorzubereiten, in dem wir Euch zu selbständigen Lernen und Denken erziehen. Darüber wart ihr nicht immer erfreut, denn ihr musstet Euch somit jedes Zehntel Eurer Abi-Note selber hart erarbeiten. Doch genau dafür gebührt Euch unser aller Respekt und Glückwunsch.

Ihr seid ein großer Jahrgang. 116 an der Zahl. Ihr seid aber auch großartig, nicht allein im Hinblick auf eure Schulleistungen und Noten, sondern auch hinsichtlich der angenehmen Art und menschlichen Wärme, die ich bei euch erfahren habe. Eine Eigenschaft, die keine Note in euren Zeugnissen ausdrücken kann und dennoch so wichtig ist und uns Lehrern das Arbeiten so angenehm macht.

Ich hatte das Vergnügen, Euch in drei verschiedenen Kursen in Physik und Mathematik zu
unterrichten. Und ich habe es ausgesprochen gern getan. Wenn ich schweiß gebadet aus dem Unterricht der Orientierungsstufe kam, habe ich erstmal tief durch geatmet und mich beruhigt: Endlich wieder 13er (Unterricht). Am liebsten Doppelstunde Physik; dann war ich mit mir wieder im Gleichgewicht.

Unvergesslich bleiben für mich Momente, wie etwa die Begrüßung mit einer Laola-Welle, als ich Wellenmaschine in den Physiksaal geschoben habe, oder die diebische Freude, wenn ein Experiment misslingt, oder ein Teil des Experimentiermaterials im Ausguss eines Waschbeckens verschwindet. Wir haben viel gelacht, und das nicht nur wenn Experimente schief gelaufen sind.

Aber auch der Mathematik Unterricht war keine vergnügungsfreie Zone. Für mich war es eine interessante Erfahrung, somit auch Kontakt zu Schülerinnen und Schülern zu bekommen, die Physik abgewählt haben, und musste feststellen, dass auch die intelligent und sehr nett sein können.

Auf der Basis einer Stichprobe im Kollegium erlaube ich mir, für alle Kollegen zu sprechen, wenn ich sage, wir vermissen Euch schon jetzt. Wir sind zwar froh, dass ihr nun weg seid, aber wir vermissen Euch. Das Signifikanzniveau dieser Stichprobe ist übrigens sehr hoch. Somit ist der Fehler 2. Art vernachlässigbar klein. Wie schön, dass Ihr alle diese Aussage verstehen könnt.

Bilanz

Natürlich ist so ein Tag prädestiniert dafür, eine Bilanz zu ziehen. Oder kurz: 8,5 Jahre Schwerd! Was hat’s gebracht?

Eine Frage, die sich wohl jeder von Euch in ähnlicher Form schon mal gestellt hat in den
vergangenen Jahren.

Man geht in die Schule um zu lernen. Aber was habt ihr eigentlich gelernt? Zum Beispiel, dass man Migräne nicht mit „k“ schreibt.

Liebe Eltern, kennen Sie eigentlich dieses grüne Formular? Es dokumentiert ein erschreckendes Bild über den Gesundheitszustand unserer Schüler respektive ihrer Kinder. Die Anzahl der Leiden wie Kopfschmerzen war zeitweise derart hoch, dass es schon fast Züge einer Pandemie aufwies. Hinzu kommen eine ganze Reihe weiterer Leiden wie Übelkeit, Grippe und Verschlafen. Ich konnte es mir nicht vorstellen, aber man kann auch den Beginn einer 9. Schulstunde verschlafen. Beim Eintragen der Vielzahl dieser Leiden passieren schon einmal Fehler. Im Eifer des Gefechts wurde da auch schon mal Grippe mit „K“ geschrieben. Ich war damals zunächst unsicher, ob der Verhinderungsgrund der Schülerin eventuell der Besuch einer Kinderkrippe sein konnte. Dieser Gedanke ist bei diesem Jahrgang ja nicht ganz abwegig. Aber nein, es handelte sich tatsächlich um einen Virus.

Nun, was habt ihr noch gelernt? Jede Menge Fachwissen und Fachbegriffe wie zum Beispiel

  • Endoplasmatische Retikulum
  • Mitochondrien
  • Pi-Orbitale
  • Huygens’sche Prinzip
  • Abc-Formel

Und ganz wichtig die Fremdsprachen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, diese Liste hat nur exemplarischen Charakter und ist viel zu kurz. Ich bitte alle Kollegen, deren Fächer und Lerninhalte ich nicht berücksichtigt habe, vielmals um Entschuldigung.

Nun, was braucht ihr von dem geballten Fachwissen für euren weiteren Lebensweg?
Sicherlich nicht alles. Ich habe davon gehört, dass man ein glückliches und erfülltes Leben führen kann, auch ohne von der Bedeutung des Higgs-Bosons zu wissen. Und das gilt sicherlich auch für viele andere Themen, die Euch in der Schulzeit vermittelt worden sind.

Aber auch wir Lehrer lernen von jedem Jahrgang hinzu. Insbesondere Studienfahrten sind in dieser Hinsicht sehr effizient. So kannte ich bisher Cocktails, jetzt weiß ich auch was ein Shooter ist.Weiterhin habe ich ein Spiel kennen gelernt mit dem Namen Bullshit-Bingo. Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich an dieser Stelle nicht die Spielregeln erkläre. Das Interessante an diesem Spiel ist aber, dass es uns Lehrern einen Spiegel vorhält, dessen Reflexionen unser Auftreten und unsere Wirkung gegenüber Schülern in Frage stellen.

Liebe Abiturienten, dieser Tag bedeutet eine Zäsur in Eurem Leben. 13 Jahre lang war der
Lebensweg klar vorgezeichnet, die Folgetage waren berechenbar – außer natürlich der Frage: „Schreiben wir morgen eine HÜ oder nicht“.

Nun geht es hinaus ins raue Leben, heraus aus den schützenden Mauern des gemütlichen Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymansiums, in dem man sich so geborgen fühlte. Immerhin, es war geheizt, zumindest an den meisten Tagen im Jahr. Gut, wir haben schon Mal eine 3 stündige Kursarbeit bei 16°C geschrieben, aber das hat uns ja auch nicht geschadet.
In einer Kreativitätskrise ob der vergeblichen Suche nach passenden Worten für diesen Anlass habe ich meine Kinder gefragt, was würdet Ihr an dieser Stelle bei dieser Gelegenheit sagen? Der erste meinte (keine Angst, ich habe nur zwei Söhne), die Schule ist wie ein Trainingslager, und danach wird man aufs Spielfeld geschickt. Mein Sohn ist Sportler und Pragmatiker. Der Vergleich passt.

Mein zweiter Sohn zog einen Vergleich zur Brown’schen Röhre. Stellt Euch vor, Ihr wärt Elektronen in einem spiralförmig aufgewickelten Metalldraht. Ihr fühlt Euch wohl, ihr könnt euch frei bewegen in einer vertrauten Umgebung. Doch dann wird Euch eingeheizt und ihr werdet herausgeschleudert aus dem vertrauten so gemütlichen Metalldraht; hinaus in den freien Raum. Ihr dachtet, Ihr wart frei, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Euch jetzt erwartet. Ihr werdet gepackt von elektrischen Feldern und beschleunigt. Die Richtung ist ungewiss. Vielleicht kommen jetzt ja noch Magnetfelder hinzu und ihr bewegt euch auf Spiralenbahnen. Ist das nicht eine tolle Vorstellung?

Gut, vielleicht kann es einem bei dieser Vorstellung schon etwas schwindlig werden. Vor allem, da man nicht weiß, wo man herauskommt und wie die Reise endet.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir das Zitat von Kurt Marti zu reduzieren auf eine
kompakte indikative Form: Wo werden wir hinkommen? Eine ungewisse wie spannende Frage.

Zukunft

Die Ungewissheit bereitet aber wohl der einen oder dem anderen von euch ein wenig Bauchschmerzen. Eine bange Frage: Was bringt die Zukunft? Was hat mir die Schule für Rüstzeug mit auf den Weg gegeben, um die kommenden Aufgaben zu bewältigen?
Oder: Was brauche ich von dem umfangreichen Fachwissen für meinen Lebensweg?

Meine Antwort zur letzten Frage lautet: Nichts! Das stimmt natürlich nicht. Alter pädagogischer Trick: Übertreibung macht anschaulich. Um eins ganz klar zu stellen: Erhaltet Euch Eure Fremdsprachenkenntnisse. Sie sind von unschätzbarem Wert für Eure Zukunft.

Aber die Mitochondrien, das Huygens’sche Prinzip und die abc-Formel könnt ihr vergessen. Ja, vergesst die abc-Formel! Ihr braucht sie nicht! Jeder Taschenrechner der unteren Mittelklasse kann das Ergebnis blitzschnell ausrechnen.

Somit kommen wir zur Sinnfrage, was kann, was soll die Schule leisten? Und ihr fragt euch zu recht: Wofür habe ich mich all die Jahre abgerackert?

(Aus Albert Einstein; Mein Weltbild: „Erziehung zu selbständigem Denken“)

Nun, „Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer benutzbaren Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Es kommt darauf an, dass er ein lebendiges Gefühl dafür bekommt, was zu erstreben ist. Er muss einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und moralisch gut ist.“

Sie ahnen es schon, diese Worte stammen nicht aus meiner Feder. Sie stammen von einem Autor namens Albert Einstein aus seinem Aufsatz mit dem Titel „Erziehung zu selbständigem Denken“.

Diese Sätze aus dem Jahr 1952 drücken sehr gut aus, was meiner Meinung nach die vornehmste Aufgabe unseres Bildungsauftrags sein sollte. Nämlich die Entwicklung zu jungen, selbstbewussten Persönlichkeiten zu fördern, die einen klaren Blick für ihre Ziele und den richtigen Weg dorthin haben.

Ich darf weiter zitieren: „Überbetonung des kompetetiven Systems und frühzeitiges Spezialisieren unter dem Gesichtspunkt der unmittelbaren Nützlichkeit töten den Geist, von dem alles kulturelle Leben und damit schließlich auch die Blüte der Spezialwissenschaften abhängig ist.“

Man wünschte sich, die Bildungsminister Europas hätten damals in Bologna diesen Text vorliegen gehabt.

Um es anders herum zu formulieren. Die Aufgabe der Schule sehe ich nicht darin, möglichst schnell mit Fachwissen voll gepackte wandelnde Lexika zu formen. Nein, zur Bewältigung der schwierigen Aufgaben in unserer Gesellschaft brauchen wir starke und kritische Persönlichkeiten, die unbeirrt ihre Ziele verfolgen.

Einstein formuliert dies so: „Zum Wesen einer wertvollen Erziehung gehört es, dass das selbständige kritische Denken im jungen Menschen entwickelt wird.“

Wenn ich in Eure Gesichter schaue, so habe ich den Eindruck, dass uns dies zumindest ein Stück weit gelungen ist und das stimmt mich hoffnungsvoll.

Ihr braucht Mut, Durchhaltevermögen und den Blick dafür, was richtig und was falsch ist. Dabei dürft ihr – und Ihr werdet es auch tun – Fehler machen. Das ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass Ihr daraus lernt und Euch nicht entmutigen lasst.

Courage!

Das hat nichts mit unserem Hausmeister zu tun, nein – es ist ein französischer Ausdruck der Ermutigung.

Bleibt neugierig und wissbegierig. Verliert nicht den Blick für das Wesentliche.
Lasst euch nicht entmutigen.
Und vor allem:
Verliert nicht die Freude am Leben.

Courage!

Manfred Riehl-Chudoba