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Sonntag, 26.03.2017

Ahoi Comenius! - Unser Comenius-Treffen in Uhersky Brod (Tschechische Republik) vom 03. - 07.10.2012

Walzermusik empfängt uns am frühen Morgen des 03. Oktober, als wir die Maschine der Austrian Airlines am Frankfurter Flughafen betreten. Die Stewardessen sind stilecht in rot-weiß-rot gekleidet und empfangen uns mit dem Charme eines unüberhörbar österreichischen Akzents. Wir, das sind Marlene Kanthak und Thomas Hofmann auf dem Weg nach Tschechien, zum ersten Treffen des neuen Comenius-Projekts, an dem das FMSG dank der intensiven Bemühungen Frau Kanthaks und Frau Links erneut teilnehmen darf.

Der mitdenkende Leser stellt sich an dieser Stelle sicher die Frage, wieso die FMSG-Lehrkräfte statt in einer Maschine der Czech Airlines auf dem Weg nach Prag in eine österreichische Maschine mit der Zieldestination Wien gestiegen sind. Um allen Vermutungen vorzubeugen, es lag nicht daran, dass wir im Geographieunterricht nicht aufgepasst hätten, im Gegenteil.

Nach eingehendem Studium der Europakarte als Vorbereitung der Reise wurde uns schnell klar, dass der Weg von Wien zum Zielort, dem 15.000 Einwohner zählenden Örtchen Uhersky Brod,  wesentlich kürzer ist als von Prag aus. Die Stadt, die ihren Namen (= Ungarische Furt) einem Flussübergang verdankt, den marodierende und raubende ungarische Horden vor Jahrhunderten an dieser Stelle errichteten, um in das Heilige Römische Reich einzudringen und dort Beute zu machen, liegt nämlich in Südmähren, unweit der slowakischen Grenze und damit weit weg von der Metropole Prag.

Diese geographische Lage trug für uns im Vorfeld nicht gerade dazu bei, die Erwartungen an den Ort besonders hoch zu schrauben, bald sollten wir jedoch schon eines Besseren belehrt werden.

Achteinhalb Stunden nach dem Start unseres Flugzeugs am Rhein-Main-Flughafen begrüßt uns Milena Krailikova, die örtliche Projektleiterin, am Busbahnhof von Uhersky Brod mit einem freundlichen „Ahoi!“ (= Hallo). Nach einer insgesamt fast zwölfstündigen Odyssee mit Bahn, Flugzeug, Fern - und Regionalbus sind wir einfach nur froh, endlich angekommen zu sein und freuen uns über die herzliche Begrüßung. Bereits auf der Fahrt wurde uns klar, dass unsere Vorstellungen, oder besser unsere Vorurteile über den Lebensstandard in Tschechien nur wenig mit der Realität zu tun haben. Bereits während unseres kurzen Aufenthaltes in Brno (Brünn) staunten wir nicht schlecht, als wir auf der Suche nach dem Busbahnhof durch ein hypermodernes Shopping-Center liefen, in dem alle denkbaren Geschäfte, Cafés und Fast-Food-Ketten vertreten sind, die man genauso in Mannheim, Heidelberg oder Frankfurt antrifft. Der Nachteil dieser globalen kapitalistischen Wunderwelt war jedoch, dass wir auf der Suche nach einem typisch tschechischen Mittagessen kläglich scheiterten und uns mit griechischem  Salat in einem Bistro zufriedengeben mussten, um den Gang zu McDonalds & Co. zu vermeiden. In Uhersky Brod angekommen wurden unsere diesbezüglichen Eindrücke durch die Hinweisschilder auf die örtlichen Supermärkte unmittelbar untermauert („Lidl“, „Kaufland“ …).

Abgesehen von der Sprache fühlten wir uns also wie zu Hause, zumal auch die kulinarischen Vorlieben in Südmähren in Bezug auf den Kaloriengehalt problemlos mit pfälzischen Ess-gewohnheiten mithalten können und die Landschaft dieser Region an der Grenze zur Slowakei mit ihren sanften Hügeln ebenfalls an Odenwald oder Pfälzer Wald erinnert.

Nach einem ersten gemeinsamen Abendessen mit den ebenfalls an diesem Tag angekommenen Kolleginnen aus der Türkei und einer geruhsamen Nacht in unserem schönen Hotel, welches praktischerweise nur drei Gehminuten vom Gymnasium Jan Komensky entfernt lag, lernten wir am nächsten Morgen die Schule kennen.

Was uns dabei als Erstes auffiel war, dass alle Schüler(innen) in Hausschuhen in den Fluren und Klassensälen herumliefen, eine Regelung, die nicht nur einen Beitrag zur Sauberkeit des Gebäude, sondern auch zur Schaffung einer angenehmen Atmosphäre leistet. In Bezug auf die Ausstattung der Schule waren wir sehr positiv überrascht. Erneut wurden unsere Osteuropa-Vorstellungen durch die Realität widerlegt. Aus Lehrersicht geradezu traumhaft erschien uns die Tatsache, dass jeweils zwei bzw. drei Kollegen ein gemeinsames Büro haben!

Auch in Bezug auf die technische Ausstattung mit Computern, Sprachlabor etc. erfüllt die Schule jedoch nicht nur westeuropäische Standards, sondern übertrifft diese teilweise sogar. Um das dort herrschende Klima adäquat zu beschreiben, muss jedoch auch erwähnt werden, dass zumindest dem historisch interessierten Besucher beim Betreten des repräsentativen Altbaus aus dem 19. Jahrhundert ein ehrfürchtiger Schauder über den Rücken läuft und man sich ein wenig  in die Zeit der habsburgischen Monarchie zurückversetzt fühlt.

Als Ausländer wurden wir überall von Schüler(innen), Lehrkräften und sogar vom Bürgermeister der Stadt sehr herzlich empfangen.

Ein Team von Schülerinnen war für den gesamten Zeitraum unseres Besuchs nur dafür abgestellt, uns mit Kaffee, Schnittchen und Kuchen zu bewirten und uns bei allen unseren Anliegen weiterzuhelfen. Bei einer Führung durch das Gebäude erklärte uns eine der Schülerinnen in flüssigem Englisch alles Wissenswerte rund um das Gymnasium. Auch der Direktor begrüßte uns (ebenfalls in sicherem Englisch) und brachte die Bedeutung des europäischen Projekts, des internationalen Austauschs und der Zusammenarbeit zwischen den Schulen, den Lehrern und Schülern zum Ausdruck.

Nachdem am Donnerstag im Laufe des Tages alle noch fehlenden Teilnehmer(innen) des Treffens aus Andalusien, Sardinien, Saaremaa (Estland) und Wales in Uhersky Brod eingetroffen waren, machten wir uns auch inhaltlich an die Arbeit, ging es doch vor allem darum, den grundsätzlichen Ablauf des BION-Projekts (Believe it or not) in den kommenden zwei Jahren zu koordinieren und abzusprechen.

Zwischen den Arbeitsphasen wurden unsere tschechischen Gastgeber niemals müde,  für unser „amusement“ zu sorgen. So bekamen wir eine Führung durch die Stadt und ihre Kirchen, machten einen Ausflug zum wunderschönen Barockschloss Buchlovice mit Park und frei laufenden Pfauen, besuchten den Wallfahrtsort Velehrad, wo man sich gerade auf den baldigen Besuch von Papst Benedikt vorbereitet.

Gemeinsam fuhren wir dann  mit der Bahn zum Kurort Luhakovice, wo wir das etwas gewöhnungsbedürftig schmeckende Heilwasser aus einem Brunnen probierten, uns mit typisch tschechischen Spezialitäten (Waffeln) eindeckten und nach einem gemütlichen Abendessen das Vergnügen hatten, in einem etwa dreifach überbelegten Zug wie die Sardinen in der Dose wieder nach Uhersky Brod zurückzufahren – fast ein bisschen so, wie wir uns Osteuropa vorgestellt hatten. Da die Stadt Uhersky Brod (neben zwei anderen Orten) für sich beansprucht, der Geburtsort des Namensgebers des EU-Projekts, Johann Amos Comenius (1592 - 1670) zu sein, durfte natürlich auch der Besuch im örtlichen Museum, das dem Theologen, Pädagogen und Kosmopoliten gewidmet ist, nicht fehlen.

Den Höhepunkt der Reise stellte jedoch der Samstagabend dar, an dem die traditionelle Rosemarie-Wallfahrt in Uhersky Brod stattfand. Nach einer Messe in der Stadtkirche wurde die Figur der Heiligen Maria singend durch die Straßen der Stadt getragen, gefolgt von einer Prozession, bei der die Einwohner und Wallfahrer Kerzen zum Zielort, dem Dominikanerkloster, trugen.

Anschließend nahmen wir an einem Folkloreabend teil, bei dem sowohl Schülergruppen des Gymnasiums als auch regional bekannte Ensembles ihr musikalisches und tänzerisches Können in original mährischen Trachten zum Besten gaben und ihrem Stolz auf die Traditionen ihrer Heimat authentisch Ausdruck verliehen. Die Pflege der Tradition in Bezug auf Religion, Musik, Tracht und Tänze scheint auch für viele junge Menschen in der Region noch eine starke Rolle zu spielen und stellt einen wesentlichen Teil ihrer Identität dar. Der Spagat zwischen moderner Leistungsgesellschaft und Traditionsbewusstsein gelingt auch und gerade am Gymnasium Jan Komensky und macht die Schule und die dort Lernenden und Lehrenden sehr sympathisch.

Nach fünf sehr erlebnisreichen Tagen, vielen interessanten Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichen Ländern und mit tausenden von Eindrücken im Kopf traten wir am Sonntag schließlich die Heimreise an. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein perfekt organisiertes Treffen, an viele schöne gemeinsame Erlebnisse und die Gewissheit, dass die Idee des gemeinsamen Europas allen Krisen und Unkenrufen zum Trotz in der Praxis wirklich funktioniert. Das Comenius-Projekt bietet eine einzigartige Möglichkeit für Schüler(innen) und Lehrer(innen) bietet, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu schließen und so zum gegenseitigen Verständnis zwischen verschiedenen Nationen, Konfessionen und Religionen beizutragen. Believe it or not!

Thomas Hofmann