Sie sind hier: Startseite / Fächer/ Unterrichtszeiten / Fächer / Religion/Ethik / Warum muss ich in den Religionsunterricht?
Mittwoch, 24.05.2017

Warum muss ich in den Religionsunterricht?

 

Eigentlich komisch: Ein Fach, das nur wenige Schüler/innen schätzen, kann nicht abgewählt werden. Und wer Religion verlässt, muss am Ethikunterricht teilnehmen. Warum ist das so?

 

·         Religion ist ein ordentliches Lehrfach, damit besteht eine Teilnahmepflicht an der Fächergruppe (das ist die einzige Besonderheit) Religion/Ethik. „Ordentlich“ bedeutet in diesem Kontext natürlich nicht „aufgeräumt“, sondern regulär in den Fächerkanon gehörend. So wie man alle anderen Nebenfächer des Kanons (wie Biologie, Physik, Sport, Kunst...) in der Unter- und Mittelstufe nicht abwählen kann, kann man eben auch die Fächergruppe Religion/Ethik nicht abwählen.
In der Oberstufe werden die anderen Fächer des Kanons auch zu unterschiedlich großen Fächergruppen zusammengefasst, daher kann man zwar „Physik abwählen“, aber genau betrachtet heißt das nur, dass man den Schwerpunkt in der Fächergruppe Naturwissenschaften auf ein anderes Fach legt. Abwählen kann man „Naturwissenschaften“ nämlich nicht. Im Falle von Religion und Ethik hat man dieses Wahlrecht lediglich früher. Abwählen kann man nur „außerordentliche“ Lehrfächer, das sind freiwillige Zusatzveranstaltungen wie die dritte Fremdsprache, MIND oder Grundfächer im Freibereich.

 

Da fragt man sich natürlich, wie ausgerechnet Religion in den Status eines ordentlichen Lehrfaches gekommen ist. Auch dafür gibt es Gründe:

 

·         In den Staatskirchenverträgen[1] lässt sich historisch gesehen das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der Formel „Kirchliche Schulen für den Staat – Religionsunterricht an staatlichen Schulen für die Kirche“ zusammenfassen. Die Neutralität des Staates bleibt dadurch gewährleistet, dass die Religionsgemeinschaften den Unterricht inhaltlich bestimmen.

·          Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben die Stellung des Religionsunterrichtes aus bitterer Erfahrung heraus noch verstärkt, indem sie den Religionsunterricht im Grundgesetz festgeschrieben haben. Im Klartext: Jedes andere Fach kann aus dem Kanon gestrichen werden, Religion nicht, das bedürfte einer Grundgesetzänderung.

 

Man könnte einwenden, dass unsere Gesellschaft heute wenig Wert auf Religion legt. Welches Interesse hat der Staat dann noch an einem teueren Religions-/Ethikunterricht?

 

·         Nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Erkenntnis, dass es einem Staat nicht gut tut, wenn er seine Ethik staatsintern macht. Man erkannte, dass es sinnvoll ist, ein unabhängiges Korrektiv zu haben und eine Werteerziehung an den Schulen zu etablieren. Daher entschied man sich für die Fächergruppe Religion/Ethik und nicht für eine Art „Staatsbürgerkunde“.

·         Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, die sehr wohl zahlreiche religiöse Strömungen hat. Zum einen vermitteln Religion und Ethik Sachwissen über die Religionen der Welt, zum anderen befähigen sie, sich im religiösen Markt der Möglichkeiten zu orientieren. An beiden Dingen besteht ein staatliches Interesse, denn weder soll der Mensch mit deutschem Pass in einer globalisierten Welt in jedes religiöse Fettnäpfchen tappen, das ihm so begegnet, noch haben wir staatlicherseits ein Interesse an der Verbreitung weltanschaulich oder religiös autoritärer Gruppen, die das Grundgesetz ablehnen.

·         Um solche Systeme zu erkennen, sollte der mündige Bürger wissen, was er selbst glaubt oder eben auch nicht glaubt. Religions- beziehungsweise Ethikunterricht leitet zu aufgeklärtem und kritischem Verhalten an, auch dem eigenen Glauben und dem eigenen Weltbild gegenüber und verhindern somit religiöse Intoleranz und Fundamentalismus.

·         Abschließend noch der Hinweis: Religionsunterricht ist nach deutschem Verständnis nicht nur ein Recht von Kirchen oder Religionsgemeinschaften, sondern ein Recht des Kindes!

 

 



[1]          Historisch gesehen gab es lange Zeit mehr kirchliche als staatliche Schulen. Um diesem Missstand abzuhelfen, wurden die meisten kirchlichen Schulen spätestens in der Weimarer Republik im Zuge der Trennung von Staat und Kirche säkularisiert, das heißt zwangsweise in Staatseigentum überführt. Nun kann man einen solchen Schritt (Enteignung einer großen Institution) nicht machen, ohne ein Gegenangebot auf den Tisch des Hauses zu legen, zumal ein Großteil der Bevölkerung sich den Kirchen verbunden fühlte.