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Mittwoch, 23.08.2017

Unterrichtsprojekt der Klasse 10a zur Lektüre „Der Richter und sein Henker“ von Friedrich Dürrenmatt

Ein völlig verrückter Fall! Vor ca. 40 Jahren wird in der Schweiz ein Polizei-hauptmann tot in seinem Wagen aufgefunden, die Kommissare Bärlach und Tschanz ermitteln, alles sieht so aus, als ob es sich um organisierte Kriminalität handelt... doch schließlich kommt alles anders. Als sich herausstellt, dass Kommissar Bärlach tief in den Fall verstrickt ist und die ermittelnden Polizisten am Ende die wahren Verbrecher sind, wird die Welt endgültig auf den Kopf gestellt.

Gegen Kommissar Bärlach wird schließlich ein Verfahren eingeleitet und er wird angeklagt, der eigentlich Schuldige an den begangenen Verbrechen zu sein. Im Folgenden lesen Sie die Rede der Anklägerin, Frau Marisa Schumacher (10a), und der Strafverteidigung, Vivian Bettag und Linnéa Pflanz (10a). Soll Bärlach wirklich verurteilt werden?



Anklagerede im Gerichtsverfahren gegen Kommissar Bärlach


Sehr geehrtes Gericht, Geschworene, Verteidiger,

dem hier anwesenden Herrn Bärlach, Polizeikommissar der Stadt Bern, wird Manipulation von Menschen und Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Er hetzte zwei Menschen brutalst gegeneinander auf, sodass der eine durch den anderen den Tod fand und der andere Selbstmord beging. Mit einem der Toten, Herrn Gastmann, war Kommissar Bärlach vor vierzig Jahren eine Wette eingegangen, die besagte, dass er jedes Verbrechen, das Gastmann begehen würden, aufklären könne. Letzten Endes wurde der nun tote Gastmann dadurch regelrecht angestiftet, mehr und mehr Verbrechen zu begehen und Menschen zu töten, um ebendiese Wette zu gewinnen. Ein Polizist darf sich auf so etwas keinesfalls einlassen, der Angeklagte wurde bereits dadurch in gewisser Weise selbst ein Verbrechers oder Verräter. Er verriet die Polizei, deren Aufgabe es ist, Recht und Ordnung zu garantieren, indem er sich auf diese absurde Wette einließ, anstatt den anderen sofort in Gewahrsam zu nehmen. Tschanz versuchte um jeden Preis, Gastmann den Mord an Schmied anzuhängen, um von seiner eigenen Täterschaft abzulenken. Er wurde von dem Angeklagten zu Gastmann geschickt, um diesen töten zu lassen. Bärlach hatte ihm vorher sogar das Kommen eines „Henkers“ angekündigt!

Diese Art der Manipulation von Menschen ist verbrecherisch. Dies gilt besonders für einen Polizisten, dessen Handeln sich stets an Recht und Gesetz orientieren muss. Dazu steht Bärlachs Handeln, Menschen dazu zu bewegen, einander umzubringen, in krassem Widerspruch. Ein weiterer sehr gewichtiger Punkt ist, dass der Angeklagte einen Mord für seine eigenen Zwecke instrumentalisiert hat und das auch noch aus privatem Anlass. Selbst wenn der Angeklagte den Mörder Tschanz nicht direkt zum Mord aufforderte, so tat er das dennoch indirekt, er operierte mit ihm wie mit einer Schachfigur! Dies wurde ihm möglich, da der Angeklagte von Anfang an durch zahlreiche Indizien und Beweise wusste, wer der Mörder im Fall Schmied war, nämlich sein Kollege Tschanz! Anstatt ihn zu verhaften oder bei seinem Vorgesetzten zu melden, nutzte er sein Wissen gezielt aus, um Tschanz zu seiner Waffe gegen Gastmann zu machen, was ohne Zweifel den Tatbestand „Beihilfe zum Mord“ erfüllt. Auch der anschließende Selbstmord von Tschanz ist folglich dem Angeklagten anzulasten, der ihn zu dieser Tat getrieben hat.

Im Großen und Ganzen nahm Herr Bärlach Ihnen, Herr Richter, die Aufgabe zu richten ab, aus persönlicher Rache sprach er das Todesurteil über Gastmann, welches er von Tschanz, seinem Henker, vollstrecken ließ. Bärlach hat damit eindeutig schwere Schuld auf sich geladen und eine harte Bestrafung verdient!

Danke, dass Sie mir ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.


Marisa Schumacher




Plädoyer des Verteidigers des Angeklagten


Sehr geehrte Damen und Herren, hohes Gericht,

der Angeklagte, Kommissar Bärlach, hat meiner Meinung nach rechtmäßig gehandelt. Durch seine Ermittlungen wurden die dubiosen Geschäfte und Verbrechen des Herrn Gastmann aufgeklärt. Auch den Mörder seines Kollegen Schmied hat er entlarvt. Weil dieser, Tschanz, die Ermittlungen im Fall Gastmann durch seine heimtückische Tat gestört hatte, ernannte der Kommissar, welcher von Anfang an Tschanz als Mörder im Verdacht hatte, gerade diesen zum Einsatzleiter in der Voraussicht, dass er sich selbst verraten würde.

Deshalb wird der Angeklagte hier beschuldigt, Tschanz manipuliert und zu einem Mord angestiftet zu haben. Diese Vorwürfe sind völlig abwegig, geradezu absurd, da Kommissar Bärlach seinen Kollegen Tschanz weder beauftragt hat, Gastmann umzubringen, noch diesen Mord selbst begangen hat. Außerdem war es Tschanz' Aufgabe, Gastmann festzunehmen und keinesfalls ihn zu exekutieren. Auch das spricht für die Unschuld des Angeklagten und zeigt, dass Tschanz vor nichts zurückschreckt. Der Angeklagte erhielt außerdem vor Kurzem die Diagnose, dass er nur noch ein Jahr zu leben hat.

Ich appelliere an ihren Verstand, meine Damen und Herren.

Wollen sie wirklich einen todkranken Mann, der nie selbst ein Verbrechen begangen hat, einsperren?


Vivian Bettag

 

 

 

 

Plädoyer der Verteidigung im Fall Bärlach

Hohes Gericht,

es handelt sich hier um einen tragischen Fall.

Nicht zu leugnen ist, dass ein Mord begangen wurde, doch mein Mandant, Kommissär Bärlach, ist nicht der Mörder.

Es wird gegen Herrn Bärlach der Vorwurf erhoben, er hätte den Mord an Herrn Gastmann zumindest verhindern können. Warum hat er dies nicht getan?

Der Grund ist, dass eben nicht von einem Mord, sondern einer Verhaftung Gastmanns durch Tschanz auszugehen war. Danach hätte mein Mandant alles aufgeklärt, denn die Beweise gegen Gastmann hätten trotz allem seine kriminellen Machenschaften beweisen können und auch Tschanz hätte als Mörder Ulrich Schmieds entlarvt werden können.


Herr Bärlach hatte von Anfang an Tschanz als Mörder Schmieds im Verdacht. Offiziell galt jedoch Gastmann als Hauptverdächtiger. Auch nachdem Bärlach Beweise für Tschanz Schuld gesammelt hatte, blieb Bärlach nach außen hin bei der Verdächtigung Gastmanns, um zu vermeiden, dass Tschanz Verdacht schöpfte und er so weitere Beweise gegen sammeln konnte.


Des Weiteren wird dem Angeklagten vorgeworfen, dass er Gastmann einen Henker angekündigt habe. Diese Aussage kann nicht bewiesen werden. Tschanz allein ist der Mörder. Bärlach hat Tschanz nicht zu diesem Mord getrieben. Als er alles Belastungsmaterial hatte, hätte er sowohl Tschanz ausliefern, als auch durch die Ermittlungen Gastmanns Machenschaften beweisen können. Doch Tschanz tötete Gastmann, wodurch das nicht mehr möglich war. Dies konnte Bärlach nicht beeinflussen.


Es steht der Vorwurf im Raum, dass Bärlach Gastmann endgültig loswerden wollte. Doch das ist nicht ganz korrekt. Vor 40 Jahren haben die beiden unter erheblichem Alkoholeinfluss eine Wette abgeschlossen. Bärlach war im Nachhinein geschockt, dass Gastmann seine Versprechung tatsächlich einlöste und von diesem Zeitpunkt an ein Verbrechen nach dem anderen beging, ohne dass ihm jemand auch nur eines davon nachweisen konnte. Ein Leben lang verfolgten dessen Taten meinen Mandanten. Bärlach sah nur einen Weg, dem ein Ende zu setzten, nämlich Gastmann zu überführen und ihn endlich hinter Gitter zu bringen. Er hätte dies auch geschafft, wenn Tschanz nicht dazwischen gekommen und den Ermittler Ulrich Schmied aus Neid getötet hätte.

Bärlach wollte Gastmann nicht tot sehen, sondern im Gefängnis, wo er für seine Taten hätte büßen sollen.

Da der Angeklagte Tschanz in seiner Absicht, Gastmann für den Mord an Schmied verantwortlich zu machen, bestärkte, könnte man zu der Ansicht gelangen, er habe Tschanz manipuliert und zum Mord an Gastmann getrieben. Dies würde zumindest eine Mitschuld meines Mandanten bedeuten. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn Mitschuld wäre er nur durch vorherige Anbahnung, Planung und Provokation des Verbrechens. Doch er hat Tschanz zu nichts getrieben. Tschanz allein war die treibende Kraft, da er alles daran setzte, den Verdacht von sich selbst fernzuhalten. Deshalb tötete er letztlich Gastmann, um ihm die Schuld an Schmieds Mord in die Schuhe zu schieben. Daran hat jedoch Kommissär Bärlach keine Schuld! Bärlach wollte einzig und allein zwei Verbrecher belangen, Gastmann und Tschanz.


Bärlachs Handeln war also weder juristisch noch moralisch verwerflich. Was man ihm einzig und allein vorwerfen könnte, ist nichts anderes, als dass mein Mandant für seinen Versuch, zwei Verbrecher hinter Gitter zu bringen, eine Meinung vortäuschte, die er in Wahrheit gar nicht vertrat, nämlich den Verdacht gegen Gastmann, verantwortlich für den Mord an Schmied zu sein. Das ist jedoch nichts, wofür man vor Gericht bestraft werden kann.

Fakt ist, mein Mandant, der hoch angesehene Kommissär Bärlach, ist kein Verbrecher und schon gar kein Mörder, da er Zeit seines Lebens nach Gerechtigkeit strebte und an einem Mord weder direkt noch indirekt beteiligt war.


Linnéa Pflanz